Heilkräuterkunde: Johanniskraut bei Depressionen, ein Einblick in die Wirkung, Anwendung und den Volkglauben
Kräuter begleiten den Menschen schon seit der Steinzeit. Als Lebensmittel, Baustoff und Heilpflanzen sind sie seit jeher stark mit dem Menschen verbunden. Was noch bis zum frühen Mittelalter Allgemeinwissen war, wurde da das Forschungsspektrum der Klöster. Hildegard von Bingen (1097 -1179) zählte zu den bekanntesten Kräuterkundigen dieser Epoche und prägte nachhaltig das bis heute überlieferte Kräuterwissen.
Die Geschichte der Kräutermedizin ist eine sehr spannende, derer wir uns in einem eigenen Beitrag in "Über die Heilkräuterkunde und unsere enge Verbindung zu Pflanzen" gewidmet haben.
Seit einigen Jahren steigt das Interesse an natürlichen Heilmitteln stetig an und damit erblüht auch die Heilkräuterkunde wieder zu neuem Leben. In dieser Blogreihe stellen wir einige Pflanzen vor, die durch ihre lange Verwendung einen schon, man möchte sagen, mystischen Status erhalten haben. Neben Wirkung und Anwendung widmen wir uns auch den Sagen und Volksweisheiten rund um diese Pflanzen.
Johanniskraut (Hypericum perforatum)
Das Johanniskraut ist heute die einzige Heilpflanze, deren antidepressive Wirkung bei leichten bis mittelschweren Depressionen in zahlreichen klinischen Studien nachgewiesen wurde.
Die enthaltenen Hypericumextrakte hemmen in therapeutischen Konzentrationen u.a. die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Noradrenalin, Serotonin, Dopamin und weitere, die für die Stimmung und den inneren Antrieb notwendig sind. Dadurch bleiben diese Botenstoffe länger verfügbar im Körper. Die Wirkstoffe aus Johanniskrautextrakten funktionieren ähnlich wie tri- bzw. tetrazyklische Antidepressiva, wenn gleich mit besserer Verträglichkeit.
WICHTIG: Johanniskraut kann mit einigen Medikamenten wie Antidepressiva und hormonellen Verhütungsmitteln wechselwirken. Wer also zu Johanniskraut greifen möchte, sollte dies zunächst unbedingt ärztlich oder in der Apotheke abklären!
Im Volksglauben zählt das Johanniskraut zu den Sonnenkräuter und zeigt auch hier schon seinen starken Bezug zu mentalen Wohlbefinden. Denn wer Geisteskrankheit, Melancholie und Schwermütigkeit entgehen wollte, trug zu Mitsommer (21. Juni) an einem Freitag gesammeltes Johanniskraut bei sich. Am Fenster aufgestellt hielt es Gewitter, Feuer und böse Geister ab.
Auch war Johanniskraut war eines der bekanntesten und wichtigsten „Anti-Teufel-Kräuter“, so den Sagen nach. Hierzu ein Auszug aus einer deutschen Sage: „In Werbach kam einst ein sechsjähriges Mädchen von seiner Pathe heim und sagte seiner Mutter, es habe von jener erlernt, Mäuse und Gewitter zu machen. Da untersagte sie ihm strenge, je wieder hin zu gehen, und nähte ihm Dosten und Johanniskraut in die Kleider. Trotz des Verbots schlich das Kind wieder zu der Pathe und wurde von ihr in den Keller geführt, wo der Teufel auf es paßte. Beim Anblick des Mädchens rief er aber aus: „Dosten und Johanniskraut, verführt mir meine Braut“. Denn wegen der eingenähten Kräuter hatte er über das Kind keine Gewalt mehr. „Mäuse und Gewitter machen“ waren unter dem Landvolk die angeblichen Hauptdisziplinen der Hexen – mittels Dämonen und entsprechender Kräuter sollten sie Mäuseplagen und Unwetter herbeirufen.
Wie man sieht, ranken sich um das Johanniskraut so manche spannende Geschichten.
Warum das Johanniskraut bei uns im Steinbachtaler Kräuterwerk eine ganz besondere Stellung hat, erzählen wir in einer kleinen Anekdote von Jenny: “Als ich im Frühjahr 2016 an Depressionen litt, war es das Johanniskraut, das mich nicht nur auf den Weg der Heilung brachte, sondern mir damit auch den Weg in die Kräuterkunde eröffnete. Eine Kur mit Johanniskraut-Tee half mir, meine Stimmungsschwankungen auszugleichen und gab mir Kraft, eine Psychotherapie zu beginnen. Die Heilwirkung des Johanniskrautes faszinierte mich so sehr, dass ich mich in die Kräuterkunde vertiefte und immer mehr Unglaubliches über die Wirkung der Pflanzen erfuhr. Ein halbes Jahr später begann ich die Ausbildung zur Kräuterpädagogin.”
Im Steinbachtalerkräuterwerk kommt das Johanniskraut in unserer Lichtbringer-Tinktur zum Einsatz. Auch bei der Menstruation ist das Kraut ein guter begleiter gegen premänstruale Stimmungsschwankungen. Daher darf es natürlich in unserer Freyatage I - Tinktur nicht fehlen.
(Auszug aus Jenny's Diplomarbeit „Es war einmal… und ist noch mehr. Heilkräuter- und Pflanzen in Märchen und Sagen aus Mittel- und Nordeuropa und deren heutige Anwendung in der Arzneimittellehre“.)
Weitere Quellen zum Nachlesen:
https://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Johanniskraut.html, 26.10.202026
Sage zum Johanniskraut: Baader: Neugesammelte Sagen aus dem Lande Baden.Deutsche Märchen und Sagen“
Karg, Sabine: Heilsam, kleidsam, wundersam. Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen. 2019
Storl, Wolf-Dieter: Pflanzen der kelten: Heilkunde, Pflanzenzauber, Baumkalender, 2000


